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Editorial  

Echte Detektivarbeit: das akribische Daten-Aufspüren und -Sammeln
von Ferrari-Historiker Marcel Massini.

Eine Google-Suche mit null Ergebnissen? Bei Marcel Massinis Tätigkeit durchaus denkbar. Die Zeitspuren von Classic Cars lassen sich nicht einfach im Internet per Mausklick abrufen, so, wie wir das heute in unserem Alltag gewohnt sind. Denn passend zu den Fahrzeugen selbst sind auch die Informationen über sie eher klassischer Natur: analog. Das Rekonstruieren deren Lebensgeschichten erfordert daher eine andere Vorgehensweise – und Leidenschaft. Massini war schon im Kindesalter ein grosser Ferrari–Fan und sammelte alles, was mit dem Cavallino rapante in Zusammenhang steht. Und über die Jahre hinweg entwickelte sich dieses Engagement zu einer beeindruckenden Expertise. Das Fundament bilden intensive Recherchen und das fein säuberliche Zusammentragen von Daten: verschiedenste Dokumente, wie alte Rechnungen vom Kauf oder Service der Fahrzeuge, Korrespondenz von Verkäufern und Besitzern. Massini besitzt zudem eine grosse -Bibliothek von Ferrari-Büchern, -Zeitschriften, -Auktions- und Ersatzteilkatalogen sowie 1,5 Millionen Digitalfotos, 150.000 Schwarz-Weiss-Fotos plus 60.000 Farb-Dias. Diesen Datenschatz pflegt er als physisches wie auch als digitales Archiv – strukturiert abgespeichert mit genauer Zuordnung von Fahrgestellnummer, Typ, Standort, Datum und Fahrer. Laut Massini lässt sich immer etwas finden: beispielsweise ein Bankscheck des amerikanischen Ferrari-Importeurs Chinetti, der damit 1968 einen Ferrari 275 GTB4 gekauft hatte. Neben Fahrgestellnummer und Datum ist auch der Kaufpreis von ca. 7000 Dollar darauf ersichtlich – damals viel Geld. So erzählt jedes Fundstück ein neues Kapitel. «Ich folge diesen Ferraris auf all ihren Stationen, sammle die Puzzleteile ein und setze sie zu einem möglichst kompletten Bild zusammen», erklärt Massini. Dabei übersetzt er die Daten in Lebensgeschichten und erfährt somit auch von unschönen Momenten wie Unfällen.

FERRARIS MIT FLUGMEILEN
Massinis Recherchen und Aufträge führen ihn um die Welt: zu Ferrari-Sammlern und aussergewöhnlichen Persönlichkeiten, welche oft gleichzeitig Erzähler und auch wissbegierige Zuhörer sind. Das Kennenlernen und sich Austauschen mit anderen Menschen schätzt Massini sehr – und so auch das Reisen. Und oft haben auch die Ferraris selbst mehr Flugmeilen als Strassenkilometer auf dem Tacho.

Als Weltenbummler lernt Massini auch die landesüblichen Unterschiede kennen: In Amerika sei es völlig normal, sich vor dem Kauf ausführlich über die Geschichte eines Ferrari Classic Cars – ob in Eigenrecherche oder beim Spezialisten – zu informieren, erzählt er. «Der amerikanische Markt ist natürlich viel grösser als der europäische, und auch die Sammlermentalität ist dort viel ausgeprägter als in Europa», resümiert Massini.

Ein gutes Dossier ist nicht unbedingt kaufentscheidend, aber als komplementäre Dokumentation oder sogar Gesamtdokumentation des Fahrzeugs für eine Teilnahme an einem Concours d’Elégance wie Villa d’Este, Pebble Beach oder andere durchaus von Vorteil. Es liefert üblicherweise den Lebenslauf mit Anfang im Ferrari-Werk und Dokumenten wie dem Foglio di montaggio, Kaufrechnungen, die Korrespondenz des Erstkäufers, weitere Verträge und besonders wichtig: Dokumentatio-nen über alle Umgestaltungsarbeiten – beispielsweise Rechnungen über Neulackierungen oder ein neues Lederinterieur. Natürlich spielt es eine Rolle, bei wem diese Restaurierungen gemacht wurden. Massini kommentiert kopfschüttelnd: «Es gibt Leute, die kaufen einen Ferrari für 5 Mio. Dollar und gehen dann aber in die Garage um die Ecke, um ihn dort neu lackieren zu lassen.» Im Unterschied zu den Ferrari-Zertifizierungen, die in erster Linie die Originalität bewerten – sprich ob das Fahrzeug noch den Originalmotor, das ursprüngliche Getriebe oder originale Hinterachse, Vergaser, Räder etc. aufweist –, erzählt Massinis Arbeit die Geschichte drum herum, oder wie er es formuliert: «Alles, was das Auto erlebt hat ab dem Moment, als es aus dem Gebäude in Maranello herausgefahren wurde. Diese Erlebnisse kennt Ferrari nicht  – das ist dann quasi mein Job.»

IT’S A MATCH
Zu Massinis Kunden zählen unter anderen auch die grössten Auktionshäuser wie Artcurial Monaco, Gooding & Co., RM Sotheby’s und Bonhams, für welche er die zu veräussernden Ferraris vorab überprüft. Aktuell begleitet Massini den speziellen Fall eines Ferrari 275 GTB, der leider keinen Originalmotor aufweist. Für dessen Zurücksetzen in den Originalzustand sind nun vier Fahrzeuge desselben Typs involviert: zwei in der Schweiz, eines in Belgien und eines in Amerika. Nun müssen die vier Besitzer an einen Tisch gebracht und geklärt werden, ob ein Wechsel der Motoren möglich ist, damit alle Fahrzeuge wieder «matching-numbers» aufweisen – schliesslich macht dies einen Preisunterschied von 20% aus, und nicht nur darum müsste es eigentlich im Interesse eines jeden Classic-Car-Besitzers sein, das Fahrzeug möglichst im Originalzustand zu bewahren. Aber Massini wiegelt ab: «Weltweite Koordination und unterschiedliche Philosophien führen nicht immer zu einem Konsens.»

CLASSIC CARS ALS KUNSTOBJEKTE
Ferrari Classic Cars sind nicht nur bei renommierten Auktionshäusern vertreten, sondern werden auch als Kunstobjekte im Museum of Modern Art in New York ausgestellt oder in exklusiven Sammlungen kuratiert – 
wie die von Ralph Lauren, welche 30 Ferraris und ca. 120 andere Fahrzeuge äusserst ästhetisch auf Podesten stehend präsentiert. Für Massini mehr als verständlich: «Ferrari ist von der Geschichte her höchst interessant und sehr emotional. Und das bisschen Drama gehört auch dazu. Einen Ferrari kauft man nicht einfach so – genau wie ein Kunstwerk», bringt er es auf den Punkt.

Massini ist auch überzeugt, dass sich das Interesse an Ferrari fast von selbst verstärkt: Man starte vielleicht mit einem modernen F8, und mit der Zeit und mehr Wissen suche man dann später womöglich ein älteres Modell wie einen 575 Maranello oder einen 612 Scaglietti. Und dann vielleicht auch noch ein klassischeres wie einen Daytona. Je mehr man sich mit der Marke Ferrari befasse, desto mehr Variationen, die es eigentlich bei keiner anderen Automobilmarke gebe, lerne man kennen, erklärt Massini und schlussfolgert: «Die Leidenschaft für Ferrari braucht Zeit, Enthusiasmus und Arbeit – aber sie ist sehr faszinierend!»